06.03.2026, 15:11
No Secrets Between Us
Lilith fühlte sich nicht in der Lage, irgendwelche größenwahnsinnigen Pläne zu spinnen, nicht jetzt. Einerseits wegen ihrer Verletzungen – auch wenn die Schmerzen mehr und mehr in den Hintergrund traten – aber andererseits auch wegen der Auswirkungen der Pillen, die er ihr gegeben hatte. Ihre Wahrnehmung war viel weicher als vorher, alles war irgendwie sanfter und langsamer und das war nicht unangenehm, aber eben auch nicht ihr präferierter Modus, um sich einen großen, komplexen Plan auszudenken. Sie konnte ihre Gedanken nicht einmal richtig greifen und lange genug festhalten, um sie komplett zu verstehen… wie sollte sie in diesem Zustand das Ende von Luzifers Herrschaft zurechtlegen? Und genau so würde es aussehen, die Ideen und Ansätze würden von ihr kommen müssen. Ihr Bruder war vieles, aber ein Planer und Stratege war er nicht.
Aber eine große Klappe hatte er, und er zog zu gerne Dinge ins Lächerliche.
“Ach wirklich? Und ich dachte, dass wir ihn lediglich so lange kitzeln bis er uns anfleht, dass wir ihn frei lassen."
„Das ist eine nicht zu verachtende Foltermethode, wenn man sie korrekt anwendet. Dagegen hätte ich nichts einzuwenden“, erwiderte sie nüchtern, erneut nach ihrem Glas greifend. Hatte er das noch einmal aufgefüllt? Oder war sie es gewesen? Langsam aber sicher verlor Lilith den Überblick, wie viel sie schon getrunken hatten.
Sie nahm noch einen Schluck, während Mammon – nun in deutlich ernsterem Tonfall als noch kurz zuvor – erklärte, wie definitiv auch seine Absichten in Bezug auf ihren Vater waren.
„Gut.“ Genau diese Haltung würde nötig sein, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Selbst in ihrem benebelten Kopf war Lilith sich der Wahnwitzigkeit deutlich bewusst – aber wenn sie einen Entschluss gefasst hatte, dann zog sie ihn durch. Mammon war nur schon immer derjenige unter ihnen beiden gewesen, der mehr verhätschelt und mit Samthandschuhen angefasst worden war, aufgrund seiner halbmenschlichen Natur. Und bis vor kurzem war er auch der einzige, der Gefühle hatte – sie wollte nur sichergehen, dass in dieser Hinsicht nicht etwas unausgesprochen blieb zwischen ihnen, und er im entscheidenden Moment doch noch sentimental wurde.
Er schien jedoch ausreichend entschlossen, und seine Reaktion stellte sie zufrieden. Offenbar trug er die Auswirkungen seines Rauswurfs aus der Hölle doch noch mehr mit sich herum, als er es sich anmerken ließ.
Lilith spürte vage die Auswirkungen seiner Wut, die zu ihr hinüber schwappten. Auch die nahm sie nur gedimmt wahr, stumpfer und weniger feinteilig, als das sonst der Fall war. Interessant… sie konnte also tatsächlich all ihre Sinne betäuben, wenn sie wollte. Es erforderte nur die richtige – und eine hohe – Dosis des entsprechenden Mittels.
Mammons Wut zu spüren, wenn auch nur in geringem Ausmaß, war eine weitere Bestätigung dafür, dass er sie nicht verarschte. Es mochten ungewöhnliche Vorkommnisse gewesen sein, die sie jetzt zum ersten Mal seit Jahrhunderten zusammengeschweißt hatten… aber sie standen auf einer Seite.
Sie hob Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand und kühlte seine Wut ein wenig runter. Seltsamerweise hatte sie plötzlich kein sonderlich großes Interesse mehr daran, ihn ohne Sinn und Zweck aufgeregt und in Unbehagen zu sehen.
Gepaart damit stimmte ihn ihre Frage nach seinen bevorzugten Sexualpartnern offenbar zusätzlich milde. Das war zu erwarten gewesen, immerhin war Sex eines seiner liebsten Gesprächsthemen und Mammon war generell niemand, der neue Erfahrungen ablehnte oder mit Informationen geizte. Er teilte direkt ein paar der von ihr angefragten Empfehlungen, und Lilith hörte interessiert zu.
„Das mit den Feuertänzern klingt spannend. Wie viele davon hast du? Dämonisch oder menschlich?“ Aber da stand er auch schon auf, ging zu einem der Wohnzimmerschränke und kam mit einem Aktenordner zurück. Einem kompletten Aktenordner, den er ihr reichte. Lilith setzte sich ein klein wenig auf, während Mammon ihr die nötige Erklärung lieferte.
Ihre Frage nach seinem Katalog war hauptsächlich ironisch gewesen, eine Einladung zum Gespräch. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass er tatsächlich etwas Physisches aus dem Schrank zog. Aber wer würde so etwas anlegen, wenn nicht Mammon?
Sie öffnete den Ordner und blätterte ein wenig darin herum, begleitet von seinen Erläuterungen.
„Du hast tatsächlich einen Katalog.“ Namen, Arten, Bilder, Telefonnummern. Hier und da fand sie auch Hinweise und Notizen, die er hinzugefügt hatte. Es war von vorne bis hinten durchstrukturiert und sortiert, sodass man in kürzester Zeit finden konnte, was man suchte. Sie hatte selten gesehen, dass er in etwas so viel Mühe investierte, ohne vorher die Geduld zu verlieren.
„Beeindruckend“, kommentierte sie, amüsiert schmunzelnd. Wie sagte man noch so schön? Man musste nur seine Leidenschaft finden, und dann gelang die Arbeit ganz von selbst? Das war offenbar bei Mammon der Fall gewesen.
„Die Fixierung auf Binärität in Bezug auf Geschlechter, die die Menschen so vehement pflegen, habe ich noch nie wirklich verstanden“, entgegnete sie auf seinen nachgelagerten Hinweis, dass möglicherweise nicht jede Zurordnung zuverlässig oder korrekt war. Welche Rolle spielte das auch, im Großen und Ganzen?


